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Auszug aus "Mit sich selbst im Einklang. Denk-Anstöße für Manager über 35"

Entscheidungen fallen lassen – statt sie zu fällen
Reinhard Müller quält sich seit Monaten, ob er sich von seiner Frau trennen soll oder nicht. Beide sind seit 12 Jahren verheiratet. Die letzten 3 Jahre bestanden hauptsächlich aus Streit und Unfrieden, unterbrochen von wenigen Momenten, in denen beide erschöpft waren und sich versöhnten.
Aber kurze Zeit später flammten die alten Zwistigkeiten doppelt stark wieder auf. Das, was früher an Gemeinsamkeit da war, ist lange vergessen. Bei einem offenen Gespräch, das beide vor einiger Zeit führten, fanden beide, daß es eigentlich besser sei, sich zu trennen.
Seitdem quält sich Reinhard Müller. Er findet, es sei jetzt an der Zeit, den nächsten konsequenten Schritt zu tun und die Scheidung einzureichen. Aber irgendwie schafft er es nicht. Ständig geht es in seinem Kopf hin und her. Vielleicht hat die Beziehung ja doch noch eine Chance? Aber jede Begegnung mit seiner Frau zeigt ihm die Entfremdung. "Dann soll sie doch den ersten Schritt tun", sagt er sich dann ärgerlich.
Aber eigentlich ist die Trennung doch klar. Warum zögert er also noch? So entscheidungsunfähig kennt er sich doch sonst nicht!
Frage an Sie: Was würden Sie Reinhard Müller raten?
Ratschläge zu geben, ist einfach. Sie anzuwenden, manchmal erheblich schwieriger! "Trennen Sie sich doch endlich!" läßt sich leicht sagen. Es zu tun, scheint manchmal fast unmöglich.
Im Berufsleben werden ständig Entscheidungen erwartet. Wenn Sie in einer verantwortlichen Position stehen, werden Tag für Tag Entscheidungen an Sie herangetragen, die Sie treffen müssen. Sie haben gelernt, die Situationen zu analysieren. Zusätzlich setzen Sie Ihren Instinkt, "Ihre Nase", ein. Sie wissen, daß immer ein Risiko mit ihm Spiel ist. Schließlich treffen Sie Ihre Entscheidung. Tagtäglich üben Sie diese Fähigkeiten in der Praxis. Zusätzlich vermitteln viele Seminare und Trainer das notwendige Wissen.
Es ist eine spezielle Kunst, diese Art von Entscheidungen zu treffen. Aber es gibt eine zweite Kunst, die genauso wichtig ist:
Das ist die Kunst, Entscheidungen "fallen zu lassen". Diese Kunst wird leider kaum gelehrt und geübt.
Sie ist bei den Entscheidungen erforderlich, die uns persönlich berühren. Ob sie Maschine X oder Maschine Y kaufen, berührt sie nicht in Ihrer Lebensführung. Aber ob Sie beispielsweise Vater werden oder nicht, eine solche Entscheidung berührt sie und gibt Ihrem Leben eine neue Ausrichtung.
Eine gute persönliche Entscheidung ist wie ein reifer Apfel. Ein Apfel fällt vom Baum, wenn er reif ist. Mancher Apfel hat von außen gesehen die richtige Größe, ist ausgewachsen und besitzt die richtige gelbrote Farbe. Aber dennoch dauert es noch Tage, bis er - in einem unerwarteten Augenblick - sich löst und zu Boden fällt.
Wenn eine Entscheidung nicht vollzogen wird, dann deshalb, weil sie noch nicht reif ist. Sie ist dann wie ein Apfel, der zwar "fertig" scheint, aber es dennoch nicht ist.
Der ungeduldige Bauer, der möglichst rasch seinen Ernteertrag erzielen will, mag den Apfel abreißen. Der Bauer ist stärker als der Apfel und deswegen funktioniert die gewaltsame Methode.
Wie dieser Bauer den Apfel vom Baum reißt, würden wir auch gern unsere Entscheidung fällen. Aber es klappt -meistens - nicht. (Und wenn es klappt, tut es sehr weh.) Irgend eine Seite in uns wehrt sich gegen die Entscheidung. Sie ist noch unreif und will noch nicht fallen.
Wenn wir eine Entscheidung zwingen wollen, erschöpfen wir uns oft in den ständigen vergeblichen Versuchen, sie durchzusetzen. Wir wissen, was wir - eigentlich! - wollen, aber trotzdem tun wir es nicht. Ja, es scheint im Gegenteil sogar so, als ob die Entscheidung anfängt, sich umso hartnäckiger zu wehren, je mehr wir an ihr ziehen.
Wir drehen uns im Kreis. Wir durchdenken unsere Entscheidung immer wieder neu, überlegen hin und her. Wir holen uns Hilfe bei Freunden, sprechen uns aus, holen ihren Rat. Manchmal sind wir wild entschlossen, endlich konsequent zu sein, und versuchen, unsere Entscheidung durchzuhalten. Und fallen dann doch wieder um. Und werfen uns diesen Rückfall anschließend erbarmungslos vor!
Schlimmer oft die Entscheidungen, die durchgesetzt werden! Es ist gibt ein Erfahrung, die sich bei Beziehungstrennungen zeigt: Wenn ich mich gewaltsam löse, also das Band zwischen mir und dem anderen durchschneide, dann schneide ich mich gleichzeitig von meiner eigenen Energie ab, die mich mit dem anderen verbunden hat. Da fühlt jemand bei einer Person ganz stark sein Herz. Er fühlt sich weich und liebevoll. Aus irgendwelchen Gründen bricht er widerwillig den Kontakt ab. Er schneidet sich damit selbst von seiner Zartheit und Verletzlichkeit ab.
Manchmal kommt jeder in eine Situation, in der eine Entscheidung noch nicht reif ist. Dann gilt:

  • Es ist überflüssig, ständig im Kopf pro und contra abzuwägen.
  • Es ist überflüssig, sich ständig innerlich motivieren zu wollen.
  • Es ist überflüssig, zu hoffen, daß ich die Entscheidung verwirkliche, wenn ich nur intensiv genug darüber nachgedacht habe.

Der Apfel fällt allein vom Baum, wenn seine Zeit gekommen ist. Er braucht keinen Bauern, der daran zieht.
Der wichtigste Rat, dem man ihm geben kann, ist der:

  • Hören Sie auf sich zu quälen!
  • Denken Sie nicht ständig über Ihre Entscheidung nach, sondern lassen Sie sie ruhen!
  • Haben Sie Geduld!
  • Vertrauen Sie sich selbst!

Irgendwann ist das Hin und Her plötzlich verschwunden. Die Entscheidung ist gefallen. Sie ist jetzt klar. Reinhard Müller weiß nun, daß die Beziehung vorbei ist und daß die Trennung ansteht.
Handeln wird leicht und selbstverständlich. Konsequenzen, die vorher schwierig und erschreckend waren, werden als notwendig akzeptiert und in Kauf genommen.

Sich entscheiden für "Ja" oder "Nein"?
Vielleicht ist Ihnen aus dem Verkauf die Technik der "Ja-Straße" bekannt. Sie sieht so aus, daß der Verkäufer jede Frage an den Kunden vermeidet, die ein "Nein" als Antwort haben könnte. Stattdessen fragt er bewußt Fragen, die ein "Ja" als Antwort haben ("Sie möchten doch sicherlich einen möglichst günstigen Kauf machen?"). In dem Idealfall für den Verkäufer endet diese "Straße" mit dem letzten "Ja" des Kunden auf sein Frage: "Sie kaufen also mein Produkt?"
Der psychologische Hintergrund dabei ist: Das Wort "Ja" erzeugt einen bestimmten inneren Zustand. "Ja" beinhaltet Zustimmung und Offenheit. "Ja" öffnet die eigenen Grenzen.
"Nein" hingegen beinhaltet Abgrenzung. Das verneinende Kopfschütteln rührt daher, daß bereits das Baby, das keine Milch mehr von der Mutterbrust will, den Kopf abwendet. Im Trotzalter lernt das Kleinkind mit dem "Nein" seinen eigenen Willen durchzusetzen und sich von Mutter und Vater zu lösen und abzugrenzen.
Wer oft in seinem Leben "nein" sagt, der verneint viele Angebote und Möglichkeiten. Damit sagt er auch zu Veränderung und vielen neuen Erfahrungen "nein".
Es gilt aber: Persönliches Wachstum erfordert häufig ein "ja".
"Nein" macht uns enger, ist aber gleichzeitig sicherer. (Denken Sie daran: Der allersicherste und vom Lebensgefahren am meisten geschützte Ort ist das Grab...)
Viele Manager lieben trotz aller entgegenlautender Gerüchte die Sicherheit. Sicher fühlen sie sich dann, wenn sie vor einer Entscheidung wissen, was hinterher das Ergebnis sein wird.
Typisch dafür sind die Schwierigkeiten, die das Management heute hat, neue Formen der Team- und Gruppenarbeit einzuführen und zu akzeptieren. Denn das Besondere daran ist, daß die Führungskraft Verantwortung an die Gruppe abgibt. Damit verliert sie gleichzeitig aber Kontrolle über Arbeitsprozesse. Das Resultat kann nicht von vornherein abgesehen werden. Diese Unsicherheit macht die Geschäftsführer, die Abteilungsleiter, die Meister unsicher und widerborstig.
"Ja" schafft Raum und führt uns in Neuland. Wir wissen nicht genau, wo wir hingelangen. Damit fühlen wir uns unsicher, Angst ist damit verbunden. Aber wir können nicht ewig in den vergangenen Strukturen festhängen. Alles ist in ständigem Wandel. Wenn wir mit dem Wandel gehen wollen, ist ein "Ja" erforderlich!
Wenn Sie "Ja" zu neuen Erfahrungen sagen wollen, testen Sie die "innere Ja-Straße", wenn Sie bei der nächsten Entscheidung zwei Alternativen haben.

Methode: Die innere Ja-Straße

  1. Machen Sie es sich bequem und stellen Sie sich die Alternativen vor.
  2. Dann sagen Sie halblaut langsam den Satz: "Wenn ich Ja sage, dann entscheide ich mich dafür, daß ... Fahren Sie mit der Alternative fort, die Ihnen spontan in den Kopf kommt!
  3. Testen sie auch das Gegenteil und sagen Sie anschließend den Satz: "Wenn ich Nein sage, dann entscheide ich mich dafür, daß ... Fügen Sie wiederum die Alternative ein, die Ihnen spontan einfällt!
    Sie wissen nun, welche Alternative, Sie weiter und welche Sie enger macht.
    Nun entscheiden Sie, in welche Richtung Sie gehen wollen.

Ein zusätzliches Kriterium kann Ihnen zeigen, ob Sie die innere Ja-Straße gegangen sind: Die Nein-Entscheidungen sind die vernünftigen. Sie wissen, wofür Sie sich entschieden haben. Sie gehen auf Nummer Sicherheit und vermeiden Risiken.
Ja-Entscheidungen scheinen unvernünftig. Wer Ja zum Leben sagt, läßt sich auf ein Abenteuer ein - und Abenteuer sind nun einmal unvernünftig (vor allem für diejenigen, die nichts lieber tun als sich hinter dem warmen Herd bzw. dem kühlen Fernseher in Sicherheit zu bringen oder die streng geplante Karriereleiter emporzuklettern).
Wenn also Ihre Freunde, Verwandten und Bekannten den Kopf über Ihre Entscheidung schütteln, gratulieren Sie sich. Die Chancen stehen gut, daß Sie eine Ja-Entscheidung getroffen haben.

Frage an Sie

  1. Wenn Sie wichtige Entscheidungen in Ihrem Leben anschauen - welches waren Ja-Entscheidungen?
  2. Welches waren in Ihrem Leben Nein-Entscheidungen?
  3. Wie würde sich Ihr Leben ändern, wenn sie mehr "Ja" sagen würden?
  4. Was wäre der Preis dafür? Was müßten Sie aufgeben an materiellen Vorteilen oder an Einstellungen und Ideen?

Vernünftigsein gilt als lobenswert. Wozu dann Ja-Entscheidungen?

  • Ja-Entscheidungen führen Sie ins Unbekannte.
  • Ja-Entscheidungen setzen deshalb neue Energie in Ihnen frei.
  • Ja-Entscheidungen lassen Sie neue Seiten an sich entdecken.
  • Ja-Entscheidungen wecken mehr und mehr Ihr Potential.

Wenn sie immer auf Nummer Sicherheit gehen, wird Ihnen - möglicherweise und hoffentlich! - nichts Schlimmes in Ihrem Leben passieren. Und vermutlich auch wenig Aufregendes.
Aber in Einklang mit sich, werden Sie so sicherlich n i c h t kommen.
Denn dazu müssen Sie ab und zu - und immer mehr - "Ja" sagen und Ihrem Wunsch, der hinter Ihrem Ja steht, folgen.

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Auszug aus “Spielregeln des Familienlebens. Anregungen nach dem Ansatz von Bert Hellinger“

Eltern und Kinder – die „Großen“ und die „Kleinen“
Schon allein die Formulierung dieser Überschrift mag den/die eine/n oder andere/n LeserIn empören. Wird nicht durch solche Formulierungen eine unserer Zeit nicht mehr gemäße Hierarchie heraufbeschworen? Bilder von Unterdrückern und Unterdrückten mögen bei dem Gedanken daran auftauchen. Ziel ist doch heute das partnerschaftliche Zusammenleben in einer Familie und dazu ist es wichtig, die grundsätzliche Gleichheit zu betonen statt der Unterschiede!
Nun gibt es zweierlei Verständnis von Partnerschaft in der Familie. Einmal wird darunter verstanden, dass „die Partner“ aufeinander Rücksicht nehmen, sich achten und sich akzeptieren. Diese Form der Partnerschaft in der Familie halten wir für notwendig, sinnvoll und begrüßenswert.
Zum anderen wird darunter verstanden, dass die Eltern die Kinder als „gleich“ empfinden und deshalb auch so behandeln wie Gleichberechtigte, möglichst in allen Bereichen. Aber die Partner in der Familie, die Eltern und Kinder, sind nicht gleich, sondern unterschiedlich. Jeder Mutter und jedem Vater ist klar, dass das partnerschaftliche Miteinander, bei dem jede Stimme - die der Eltern und die der Kinder - gleich zählt, nicht von vornherein möglich ist. Ein Baby kann noch kein gleichberechtigter Partner sein, genauso wenig wie ein fünfjähriges oder zehnjähriges Kind. Aber mit zunehmendem Alter wird das Gewicht der Stimme des Kindes steigen, und die Entscheidungen der Eltern mit beeinflussen.
Dennoch bleibt ein grundsätzlicher Unterschied, und Eltern wie Kinder wissen darum.

Von der natürlichen Ungleichheit: Wer gibt – wer nimmt?
Konstanze ist in der letzten Schwangerschaftswoche. Sie erwartet ihr erstes Kind. Mitten in der Nacht wacht sie auf von einem Druck in ihrem Kreuz und einem leichten Ziehen im Bauch.
„Ob das Wehen sind?“ schießt es ihr durch den Kopf. Sie schubst Erik an, der neben ihr schläft. „Du, ich glaube es geht los!“ Konstanze und Erik sind aufgeregt. Sie fahren zusammen ins Krankenhaus. Am Anfang läuft Konstanze noch am Arm von Erik die Gänge auf und ab. Doch dann wird es ernst. Die Wehen werden immer heftiger und schmerzhafter.
Konstanze kommt in den Kreißsaal. Jetzt dauert es nicht mehr lange. Erik massiert ihren Rücken. Und dann kommen die Preßwehen. Konstanze nimmt ihre ganze Kraft zusammen, einmal, zweimal, dreimal. Noch eine letzte Presswehe, und dann ist es da: ein winziges Baby, verklebte Haare, die Augen geschlossen - ihre Tochter Annika
Annika ist das Kind von Erik und Konstanze. Neun Monate hat Konstanze Annika in ihrem Bauch getragen, gespürt, wie sie als Baby gewachsen ist.
Jetzt ist Annika auf der Welt. Konstanze ist erschöpft, glücklich und erleichtert. Sie kann es noch gar nicht fassen. Zum ersten Mal sieht sie das Kind, das so lange Teil von ihr war.

Eltern schenken den Kindern das Leben – das macht den elementare Unterschied zwischen beiden aus. Dieser Vorgang ist die selbstverständliche Grundlage unseres Lebens. Jedem ist es so geschehen. Das Leben kommt durch die Eltern zum Kind. So wie Konstanze und Erik durch ihre eigenen Eltern das Leben bekommen haben, haben nun die beiden das Leben an ihre Tochter Annika weitergegeben. Dabei ist dieses Leben nicht ein persönliches Eigentum der Eltern. Der Dichter Kahlil Gibran drückt es mit folgenden Worten aus:

    „Eure Kinder sind nicht eure Kinder.
    Es sind die Söhne und Töchter von des Lebens Verlangen nach sich selber.
    Sie kommen durch euch, doch nicht von euch.
    Und sind sie auch bei euch,
    so gehören sie euch doch nicht.“

Allein diese Weitergabe des Lebens, der biologische Fakt als solcher, macht eine Frau zur Mutter und einen Mann zum Vater. Das vergessen viele Mütter und Väter. Sie sind sich über die Bedeutung und den Wert dessen, was sie den Kinder gegeben haben, nicht im klaren. Wären sie das, hätten sie ein größeres Selbstverständnis als Mutter oder Vater, würden sie sich selbst ein größeres Gewicht geben. Statt dessen versuchen sie, sich, ihrem Kind und der Umwelt zu beweisen, dass sie als Mutter und Vater taugen. Dabei ist das wirklich Wesentliche bereits geschehen.
Bert Hellinger formuliert den grundsätzlichen Unterschied zwischen Eltern und Kindern so:
„Zu den Ordnungen der Liebe zwischen den Eltern und Kindern gehört als erstes, daß die Eltern geben und die Kinder nehmen. Es handelt sich hier aber nicht um irgendein Geben und Nehmen, sondern um das Geben und Nehmen des Lebens. Die Eltern geben den Kindern, wenn sie ihnen das Leben geben, nicht etwas, was ihnen gehört. Sie geben, was sie selber sind, und dem können sie weder etwas hinzufügen noch etwas davon weglassen oder für sich zurückbehalten. Sie geben sich mit dem Leben den Kindern so, wie sie sind, ohne Zusatz und ohne Abstrich. Dementsprechend können die Kinder die Eltern nur nehmen, wie sie sind, wenn sie das Leben von den Eltern bekommen, und sie können dem weder etwas hinzufügen noch etwas weglassen oder etwas davon zurückweisen.“
Aber ist das nicht viel zu radikal gesehen? Wozu soll ein solcher, eher theoretisch klingender Standpunkt gut sein? Der Brief einer unserer Teilnehmer an der Weiterbildung im Familien-Stellen (selbst Vater von Kindern) drückt sehr klar den Zweifel an einem solchen Standpunkt aus:
„Dabei habe ich etwas Mühe mit der Absolutheit des Ausdrucks: ‘Eltern geben und die Kinder nehmen.‘ Die Eltern geben etwas Unpersönliches: das Leben. Dabei wird vergessen, was die Kinder geben. Auch völlig unpersönlich. Durch die Kinder bekommen die Eltern einen neuen sozialen Status. Das ist etwas, was die Kinder geben. Dadurch werden die Eltern aufgewertet. Und durch die Kinder bekommen die Eltern noch vieles mehr. Die Eltern können und müssen über die Kinder an der eigenen Entwicklung arbeiten. Das ist ein Nehmen. Und sie dürfen an der Jugend teilnehmen. Das alles kommt durch die Kinder zu den Eltern. So wie das Leben durch die Eltern zu den Kindern kommt. Ist das nicht ein gegenseitiges Geben und Nehmen? Auf einer sehr existentiellen Ebene. Müsste man nicht sagen: ‘Eltern geben und die Kinder nehmen. Kinder geben und die Eltern nehmen?‘ Allerdings, was gegeben und genommen wird, ist jeweils nicht dasselbe. Kann es gegeneinander aufgewogen werden? Was ich eigentlich sagen wollte: Die Kinder nehmen nicht nur, sie geben auch. Das ist mehr als offensichtlich. Und das muss gewürdigt werden.“
In bestimmter Hinsicht ist dieser Standpunkt richtig. Jeder, der Kinder hat, weiß, dass man unter anderem viel Freude und Lebendigkeit sowie eigene „Wachstumschancen“ durch seine Kinder erhält. Auf dieser Ebene bekommen auch Eltern. Und natürlich ist es gut, wenn man das als Eltern sieht und würdigt
„Die Eltern geben und die Kinder nehmen“ beschreibt ein Geschehen auf einer anderen, auf einer tieferen Ebene. Die Kinder kommen durch die Eltern. Ohne Eltern, keine Kinder. Dieser Unterschied ist so gewaltig, dass das, was Eltern dafür bekommen, nicht ins Gewicht fällt und nicht gegeneinander aufgewogen werden kann. Das Weitergeben des Lebens muss in seiner ganzen Bedeutung anerkannt werden. Das tut dieser Satz: „Die Eltern geben, die Kinder nehmen.“
Bert Hellinger beleuchtet den gesamten Zusammenhang so:
„Die Eltern geben ihren Kindern, was sie selbst vorher von ihren Eltern genommen haben, auch von dem, was sie vorher als Paar, der eine vom anderen, nahmen. Zusätzlich zum Geben des Lebens sorgen die Eltern noch für die Kinder. Dadurch entsteht zwischen Eltern und Kindern ein riesiges Gefälle von Nehmen und Geben, das die Kinder, selbst wenn sie es wollten, nicht ausgleichen können.“
Diese Haltung ist den meisten Eltern in dieser Deutlichkeit und Klarheit ungewohnt. Sie erscheint übertrieben, vielleicht sogar arrogant. Denn viele Eltern legen heute mehr Wert darauf, ihren Kinder mehr Kumpel, erwachsener Freund/in oder große/r Bruder/Schwester zu sein als Eltern.
Durch das biologische Geschehen besteht jedoch ein natürliches Gefälle von den Eltern zu den Kindern. Die Großen sind „vorgeordnet“. Die Eltern waren vor den Kindern da, die Kinder kommen durch sie, also nach ihnen. Die Großen geben – die Kleinen nehmen.
In der Arbeit mit Familienaufstellungen wird die Größe dieses Vorgangs vom Weitergeben des Lebens spürbar und dass in jedem von uns ein Ahnen davon ist. In der Tiefe wissen wir alle darum, auch wenn wir es oft an der Oberfläche nicht anerkennen wollen.
So erleben wir in Aufstellungen immer wieder, dass der Satz „die Eltern geben und die Kinder nehmen“ eine gute Wirkung zeigt. Er gibt den Eltern Kraft und erleichtert und befreit die Kinder. Beide gewinnen dadurch – auch wenn wir nicht genau verstehen warum.
Die natürliche Ungleichheit spiegelt auch eine weitere Satz wider, der immer wieder in Aufstellungen gebraucht wird. Es ist der Satz einer Mutter oder eines Vaters zum Kind ”Ich bin die/der Große und du die/der Kleine.” Er benennt den grundsätzlichen Unterschied im Verhältnis von Eltern und Kindern und das, was darin ausgedrückt wird, entspannt Eltern und Kinder.
Die Ungleichheit zeigt sich darin, dass Kinder von den Eltern etwas „brauchen“. Kinder brauchen „Sicherheit, Orientierung und Halt“ (Rogge) und „das Wissen um den eigenen Platz innerhalb der sozialen Struktur“ (Dreikurs). Damit Eltern ihren Kindern diesen sicheren Platz geben können, müssen sie innerlich „groß“ sein.
Wichtig dabei ist: Groß-sein meint nicht, dass die Eltern als die Großen besser sind und dass die Kinder minderwertig sind gegenüber den Eltern. Als Menschen sind Eltern und Kindern gleichwertig
Dreikurs spricht in seinem Erziehungsklassiker „Kinder fordern uns heraus“ mit anderen Worten davon. Er nennt Kinder und Erwachsenen „sozial gleichwertig“. „Gleichwertigkeit heißt nicht Gleichheit! Gleichwertigkeit heißt, dass alle ohne Rücksicht auf ihre persönliche Unterschiede und Fähigkeiten denselben Anspruch auf Achtung und menschliche Würde haben.“
Oder wie es A. S. Neill in seinem ebenfalls klassischen Buch „Theorie und Praxis der antiautoritären Erziehung“ ausdrückt: “...im großen und ganzen respektieren wir Individualität und Persönlichkeit eines Kindes in der gleichen Weise wie die eines Erwachsenen, ohne zu vergessen, dass sich das Kind vom Erwachsenen unterscheidet.“
Jemand, der „groß“ ist, achtet die Würde, Persönlichkeit und Individualität des Kindes. Aber er kann auch mit notwendiger Autorität eingreifen. Vielleicht ist das Überraschende, dass A. S: Neill, der Begründer der antiautoritären Erziehung, in seiner pädagogischen Arbeit mit schwierigen und schwer belasteten Kindern sich keinesfalls in der Form „antiautoritär“ verhält wie die vielen, die versucht haben, ihn nachzuahmen. „Wir lassen einen Sechsjährigen nicht entscheiden, ob er ins Freie gehen kann oder nicht, wenn er Fieber hat. Und wir fragen auch kein übermüdetes Kind, ob es ins Bett gehen will. Man fragt ein krankes Kind nicht nach seiner Einwilligung, wenn man ihm Medizin gibt.“
Wenn man dieses Buch aufmerksam liest, dann fällt einem auf, wie wichtig die Haltung des Erziehers als „groß“ ist. Mit ihr findet er das nötige und richtige Maß, Kindern Freiheit zu geben. Und es scheint so, dass das riesige Durcheinander, das die sog. antiautoritäre Erziehung vor drei Jahrzehnten in Deutschland angerichtet hat, daher kommt, dass Eltern nur ein äußeres Verhalten zeigten, ohne die dazu notwendige Haltung verinnerlicht zu haben.

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